Projekt „Arco Iris“
La Paz, Bolivien

Von unserem LIONS Freund Dr. Heinz-Dieter Neumann:

Im Jahre 2001 besuchte ich mit einer Reisegruppe, der auch Lionsfreunde aus unserem Club und von unserem Acherner Patenclub angehörten, im Rahmen einer Peru Reise Herrn Pfarrer Josef Neuenhofer in La Paz/Bolivien. Die Begegnung erfolgte auf Initiative von Lionsfreund S. Stinus, LC Achern, der Pfarrer Neuenhofer bei einer Einladung des Honorarkonsuls von Peru, Herrn H.W. Fein, und Ministerpräsident Erwin Teufel in Stuttgart kennen lernte. Er war von der Arbeit Pfarrer Neuenhofers sehr beeindruckt und arrangierte unser Treffen.

 Pfarrer Neuenhofer, ein großer starker Mann überzeugte uns vom ersten Augenblick an durch sein gewinnendes Lachen und seinen kräftigen Händedruck. Wir überreichten ihm bei der ersten Begegnung in La Paz einen Spendenscheck der Clubs Baden-Baden und Achern. Dann erzählte er aus seinem Leben und von seiner Arbeit.

Nach der Priesterweihe arbeitete er als Kaplan in Stuttgart (dort war er auch Jugendgefängnisgeistlicher) und dann 10 Jahre lang als Pfarrer in Rottweil. Nach der Genesung von einem schweren Autounfall bat er seinen Bischof um die Erlaubnis, seine Arbeit in einer südamerikanischen Großstadt, „an der Front der Kirche“, fortsetzen zu dürfen.

Im Januar 1993 kam er mit zwei Koffern in La Paz an. Aus dem Nichts baute er in kurzer Zeit eine Armengemeinde von 40 000 Seelen auf. Er gründet den Verein „Arco iris“ mit Sitz in Rottweil, der ihn in seiner Arbeit unterstützt. Alle Funktionäre sind ehrenamtlich tätig. Jede Spende kommt zu über 90% bei Pfarrer Neuenhofer und den Bedürftigen von La Paz an. Hilfe erhält er auch vom Rotaryklub Rottweil, dessen Mitglied er ist.

1994 überträgt ihm der Bischof von La Paz die Seelsorge für die etwa 30 000 Straßenkinder an die er sein ganzes Herz hängt.

Wie wird man ein Straßenkind? Pfarrer Neuenhofer schilderte uns den typischen Werdegang eines kleinen Jungen. Die Familien im Hochland von Bolivien sind sehr kinderreich und arm. Familienplanung ist ein unbekanntes Wort. Die Eltern können ihre Kinder nicht mehr ernähren. Um die Familie zu verkleinern wird also z. B. ein Bub oder ein Mädchen von einem Onkel aus dem Dorf im Altiplano mit nach La Paz genommen. Der Onkel sagt an einer Straßenecke er müsse etwas besorgen und das Kind soll hier auf ihn warten – er erscheint nie wieder. Pfarrer Neuenhofer spricht von „Wegwerfkindern“. Sie kennen häufig nicht einmal ihr Geburtsdatum

Die Kinder sind natürlich völlig verzweifelt und fangen jämmerlich zu weinen an. Andere Straßenkinder, die ein ähnliches Schicksal hatten, gehen auf sie zu und nehmen sie mit in ihre Gemeinschaft, die unter einer Brücke oder im Hinterhof eines verfallenden Hauses „wohnt“.

Andere Straßenkinder stammen aus zerrütteten Ehen. Bolivien ist ein ausgesprochenes Macho-Land. Die Frauen bekommen unentwegt Kinder; so erzählte der Pfarrer von einer seiner Nachbarinnen, einer 33 jährigen Frau, die 17 Kinder hat. Irgendwann wurde dem edlen Erzeuger die Verantwortung zu groß und das Geschrei der Kinder zu laut und er suchte das Weite. Die Frau war allein mit ihren Kindern. Wenn ein neuer Mann in das Leben der Frau tritt, will er zwar die Frau, aber nicht die Kinder. Die Kinder werden rausgeworfen und landen auf der Straße.

Die Kinder leben meist in Gruppen und versuchen Geld zu verdienen. Sie stehlen, sie arbeiten als Müllsammler, Schuhputzer, Autoputzer, als Stationsausrufer in den zahllosen Minibussen, als Bettler, als Bonbonverkäufer oder als Verkäufer von Zeitungen oder Toilettenpapier.

Mädchen ab 9 Jahre arbeiten teilweise als Prostituierte, bekommen für einen „Beischlaf“, meist in einem Hinterhof durchgeführt, 1 $. An der Hausecke wartet der Betreuer, der Zuhälter, der ihnen sofort die Hälfte des Geldes abnimmt. Am Abend herrscht der Slogan unter den Kindern: „iss dir den Bauch voll“. Sie müssen ihr Geld möglichst schnell verbrauchen, sonst nimmt ihnen die Polizei alles ab. Die Polizei spielt in Bolivien eine sehr unrühmliche Rolle, Die Beamten verdienen nur 52 $ monatlich, sind korrupt, unehrlich, verschlagen und nehmen die Straßenkinder schonungslos aus.

Pfarrer Neuenhofer hilft diesen Kindern sowohl praktisch als auch psychisch und pädagogisch. Er gibt täglich ein warmes Mittagessen für 800 Kinder in verschiedenen Stadtteilen aus. Jedes Kind muss für das Essen umgerechnet 13 Pf. bezahlen, um es zu einer Mitverantwortung zu erziehen. Wenn die Kinder ihr Geschirr abspülen und aufräumen erhalten sie zusätzlich noch einen Nachtisch.

Gemeinsam mit einer Bank in La Paz und mit großer Unterstützung der Kreissparkasse in Rottweil hat er für die Kinder eine Möglichkeit geschaffen, ein Sparbuch anzulegen, Da es für die Bankkunden nicht zumutbar ist, zusammen mit den zerlumpten und auch stinkenden Kindern ihre Geldgeschäfte abzuwickeln, hat die Bank einen besonderen Raum zur Verfügung gestellt. Eine Angestellte, die von der KSK Rottweil bezahlt wird, kümmert sich nur um die Straßenkinder. Wenn diese zum ersten Mal zur Bank kommen und ein Konto eröffnen wollen, wird ein Passbild von ihnen gemacht und sie erhalten einen Ausweis, Diese Tatsache, einen Ausweis zu besitzen und ein Bild von sich zu haben, erfüllt die Kinder mit ungeheurem Stolz und schützt sie auch etwas vor der Polizei. Sie zahlen nur Pfennigbeträge ein, wissen aber immer ganz genau wie viel sie einbezahlt haben. Wenn sie bei Freunden voller Stolz von ihrem Guthaben erzählen, werden sie häufig verhöhnt, sie würden ihr Geld niemals wiedersehen. Die Kinder gehen daraufhin zur Bank und wollen das ganze Geld wieder haben ‑ und sie bekommen es auch. Verdutzt und überrascht gehen sie mit ihrem Geld einmal um den Block und zahlen alles wieder ein.

Solche Aktionen erziehen die Kinder zur Ordnung und geben ihnen Selbstvertrauen. Um den Kindern auch ein Dach über dem Kopf zu geben, hat Pfarrer Neuenhofer nach und nach 7 Häuser gebaut in denen Straßenkinder entweder nur schlafen können oder auch eine echte Heimat bekommen. Sie erleben Gemeinschaft, können wieder Bindungen eingehen und erhalten vor allem fachmännische Hilfe beim Schulbesuch. Sie werden vor einem Abgleiten in das Drogenmilieu bewahrt.

Das Alphabetisierungsprogramm ist ein weiteres großes Anliegen von Pfarrer Neuenhofer, Die Kinder allein erziehender Mütter haben oft mit 12 Jahren noch nie eine Schule besucht. Diese Kinder erhalten eine gezielte Hilfe und ‑ können häufig schon nach einem halben Jahr eine altersgerechte Klasse besuchen.

Nach dem Schulabschluss erhalten die Kinder die Möglichkeit einen Beruf, meist einen Handwerksberuf (z.B. Schreiner, Schneider, Kunsthandwerker, Schlosser, Elektroniker oder Bäcker) zu erlernen. Die Mädchen werden gern Schneiderin, Friseuse oder Krankenschwester.

Den Kindern und Jugendlichen bietet die Fondacion Arco Iris Schutz, Chancen und Zukunftsperspektiven. Die Kinder schlafen und leben in den Häusern der Fondacion. In einem Kindergarten können minderjährige Mütter ihre Kinder lassen während sie –auf welche Weise auch immer – Geld verdienen gehen. Elf Psychologen kümmern sich um verwahrloste und missbrauchte Kinder. In einem eigenen Krankenhaus werden alle Straßenkinder bis zum 18. Lebensjahr umsonst behandelt.

Pfarrer Neuenhofer hat ein mobiles Notversorgungssystem aufgebaut. Zurzeit sind es 4 Ambulanzen, die mit Fachpersonal besetzt in die Armenviertel fahren und so weit wie möglich eine medizinische Grundversorgung liefern. Er benötigt dringend Spenden, um Medikamente für diese Ambulanzen kaufen zu können.

Alle diese Aufgaben kann Pfarrer Neuenhofer natürlich nicht allein bewältigen. 27 freiwillige Helfer unterstützen ihn bei seiner Arbeit. Früher waren es z.B. Ziwis, jetzt sind es Absolventen eines sozialen Jahrs (u.a. die Tochter von Ministerpräsident Teufel). Offensichtlich ist diese Arbeit sehr begehrt, denn er hat über 200 Anfragen im Jahr, obwohl er als Bedingung gute Spanischkenntnisse und einen Mindestaufenthalt von einem Jahr verlangt, Zu diesen festen Helfern, die aus dem Ausland, größtenteils aus Deutschland, kommen, beschäftigt er noch viele Hausfrauen, Studenten oder andere Freiwillige aus La Paz. Pfarrer Neuenhofer ist stolz auf seine Mitarbeiter und bezeichnet sie als ein „tolles Team.

Für die zahlreichen Projekte werden mindestens 24 000 $ im Monat benötigt. Der Staat Bolivien und die Stadt La Paz steuern keinen Pfennig bei. Das Straßenkinderprojekt von La Paz lebt von der Summe vieler kleiner Spenden von Vereinigungen und Privatleuten hauptsächlich aus Deutschland. Obwohl Pfarrer Neuenhofer (die Kinder nennen ihn liebevoll Padre José) bereits 75 Jahre alt ist, kommt er alle zwei Jahre nach Deutschland auf „Betteltour“. Er würde auch gern einmal wieder einmal nach Baden-Baden kommen.